Wärmenetze in Neubaugebieten?
Dr.-Ing. Verena Zipf erklärt im Interview, worauf es bei einer Entscheidung ankommt
Ein Neubaugebiet wird in der kommunalen Wärmeplanung als Entwicklungsfläche für ein Wärmenetz ausgewiesen. Eine Wärmequelle vor Ort ist auch schon gefunden. Naheliegend ist, das Wärmenetz bei der Erschließung gleich mitzuplanen. Aber ist das eine gute Idee?
Drei Fragen an die Wärmenetz-Expertin Dr. Verena Zipf:
endura kommunal begleitet seit 16 Jahren die Planung und den Bau von Wärmenetzen – auch in Neubaugebieten. Wie gut passen Neubaugebiete und Wärmenetze denn überhaupt zusammen?
Jedes Baugebiet ist anders. Deshalb lässt sich die Frage nur individuell klären. Aber es gibt wichtige Kriterien für die Entscheidung.
Die kommunale Wärmeplanung prüft zunächst mal die Grundvoraussetzungen: Gibt es ein bestehendes Wärmenetz? Ist eine Wärmequelle vorhanden? Ist die voraussichtliche Wärmeabnahme hoch genug? Lautet die Antwort auf diese Fragen JA, gilt ein Gebiet als prinzipiell geeignet.
Braucht es mehr als das?
Ja, da muss man noch genauer hinschauen. Nahwärmenetze sind immer sehr aufwändige Projekte. In Neubaugebieten gibt es womöglich Verzögerungen durch Baugenehmigungen, Mehraufwand durch den Hochwasserschutz oder andere Auflagen. Eine Grundvoraussetzung ist: Das Bestandsnetz muss direkt an das Neubaugebiet angrenzen.
Wichtig sind außerdem geringe Kosten für die Wärme, wie es zum Beispiel bei Abwärme der Fall ist. Dann schaut man sich die Bebauungsstruktur und die Akteure an. Bei günstigen Bedingungen, z.B. wenn die Grundstücke in kommunaler Hand sind oder das Gebiet dicht bebaut wird, kann ein Wärmenetz sinnvoll sein. Die Gebäude sollten außerdem möglichst zeitgleich errichtet werden, um das Netz wirtschaftlich zu machen.
Was empfehlen Sie Kommunen, die ein Wärmenetz im Neubaugebiet errichten wollen?
Wir raten mittlerweile: richtet den Netz-Fokus zuerst auf den Bestand. Zum Beispiel auf Innenstädte mit hohem Wärmebedarf, wo alternative Wärme-Lösungen nicht greifen.
Und wenn es um ein Neubaugebiet geht: Je mehr positive Voraussetzungen vorliegen, desto besser. Und bevor die großen Entscheidungen fallen, sollte man Experten einbinden und mit einem ersten Beratungsauftrag prüfen lassen, ob es Sinn macht, tiefer in die Wärmenetzplanung einzusteigen.
"Wir raten mittlerweile: richtet den Netz-Fokus zuerst auf den Bestand."
Dr. Verena Zipf
Projektleitung Wärmenetzausbau Teningen